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In Reinickendorf stehen die heiligen Hallen der Schuhcreme

Seit 100 Jahren produziert das Reinickendorfer Unternehmen Collonil weltbekannte Pflegemittel.

Berlin. Frank Becker liebt Schuhe. Das sieht man auch, trägt er an diesem Tag zu seinem eher schlichten Outfit aus dunkelblauem Blazer und Jeans ein eher außergewöhnliches Paar mit verschiedenen Mustern in Türkis. Auf die Frage, wie viele Paar er sein Eigen nennt, kann er nur mit den Schultern zucken. „Es müsste dreistellig sein.“ Außergewöhnlich dürfen seine Schuhe sein, sagt er. Diese Vorliebe ist eine gute Voraussetzung für seinen Beruf. Denn Frank Becker ist geschäftsführender Gesellschafter von Collonil. Die Firma, die seit 100 Jahren auf Schuhpflege spezialisiert ist.

Waren es früher eher die Damen und Herren, die sich von einem Fachmann ihre Lederschuhe haben polieren lassen, sind es heute eher die jungen Leute, die Wert auf ihre Freizeitschuhe legen. Diesem Trend folgt auch Collonil. „Wir gehen immer mit der Zeit, entwickeln die Produkte hier permanent weiter“, sagt Becker. Es sei die „Sneakerisierung“, mit der es sich zu beschäftigen gilt. Dass die Liebhaber der Freizeitschuhe weniger Wert auf ihre Treter legen, stimme nicht, „einige Schuhe sind sehr teuer, die werden regelmäßig gepflegt“.

Jede Farbe besteht aus 35 Komponenten

Bei einem Blick in die heiligen Hallen der Firma, erkennt selbst der Laie, wie viel Arbeit hinter der Herstellung von Schuhcremes und -sprays steckt. Rund 100 Mitarbeiter sind am Standort Reinickendorf an der Hermsdorfer Straße tätig, 20 weitere im Logistikzentrum in Mühlenbeck. Davide Conte ist einer von ihnen. Er rührt die Farbe der Schuhcreme von Hand an, nachdem die Bestandteile Wachs und Öl zunächst auf 120 Grad erhitzt und dann nach und nach in einem großen Kessel auf 40 Grad heruntergekühlt wurden. 

Zu der 180 Kilo schweren Masse gibt er nach und nach unterschiedliche Farben zum Grundton, damit am Ende die Farbe „Cognac“ entsteht – rund 80 Farben hat die Firma im Sortiment, jede besteht aus 35 Komponenten. „Da wir natürliche Rohstoffe verwenden, die sich je nach Temperatur und Lagerung verändern, müssen wir immer Farben hinzugeben, um den Ton zu bekommen, den wir haben möchten“, erklärt Ulrich Drechsler, Leiter der Forschung und Entwicklung. Ein geschultes Auge ist ein Muss. Anhand einer Farbpalette kontrolliert Davide Conte dann in einem Kasten, der Tageslicht nachahmt, die fertige Farbe.

Angefangen hat alles in einem Hinterhof in Kreuzberg mit einem skandinavischem Öl und einem Baumharz aus Südamerika. „So wurde damals Lederpflege hergestellt“, erklärt Ulrich Drechsler. Heute vertreibt die Firma ihre Produkte in 106 Ländern, Südamerika soll schon bald hinzukommen. Das klappt auch oder gerade deswegen, weil Frank Becker im Jahr 1998 zu einer Zeit kam, in der Collonil eingestaubt war, wie er sagt. Dabei wollte er nie in den Osten, nie nach Berlin. Doch schon seit der Kindheit ist er mit der Firma verbunden. „Meine Mutter hat mir mit den Produkten das Schuhe putzen beigebracht.“ 

Der geschäftsführende Gesellschafter hat den Sitz an der Hermsdorfer Straße saniert. Erfahrungen mit so einer Aufgabe hat er bereits zuvor in Portugal bei einer Gerberei gesammelt, die er wieder auf den richtigen Weg gebracht hat. „Zunächst mussten wir andere geografische Märkte anvisieren, und dann die Produkte weiterentwickeln, mit der Zeit gehen“, sagt Becker. Das hat funktioniert. Ulrich Drechsler hat es geschafft ein Spray zu entwickeln, das wasser-und schmutzabweisend ist, aber gleichzeitig Feuchtigkeit und Wärme nach außen dringen lässt, also atmungsaktiv ist. „Das können nur wir“, versichert Frank Becker stolz. Den Schutz für jede bewegliche Oberfläche namens „Carbon“ hat Ulrich Drechsler eher durch Zufall entdeckt. Bei einer Fahrt mit seinem Formel 3 Auto kam ihm die Idee. „Wir mussten herausfinden, wie wir die Struktur des Materials Carbon beim Imprägnierspray nachahmen können“, sagt der Forscher. Er hat es geschafft. Die Rezeptur bleibt natürlich geheim.

Dieser Wandel von der klassischen Schuhcreme zu schmutzabweisenden Sprays war für die Köpfe der Firma nicht immer einfach. „Wir mussten uns genau überlegen, wie wir die jüngeren Kunden ansprechen“, sagt Becker. Und dazu gehört eben auch, dass die Produkte umweltfreundlich und hautverträglich sind. „Die Basis ist mit einer Handcreme vergleichbar“, sagt Drechsler, der seit 15 Jahren die Produkte entwickelt. Alle zwei bis drei Jahre werde die Rezeptur verändert, um auf dem neusten Stand zu sein. So hat es die Firma geschafft, zwischen 1998 und 2018 den Export von 8 Prozent auf 65 Prozent zu steigern.

Immer mit der Zeit gehen, sich trauen etwas Neues zu wagen ohne dabei die Tradition aus den Augen zu verlieren – das ist das erklärte Ziel von Collonil. Denn die bekannte Schuhcreme wird es wohl immer geben.

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